Unser Besuch in der Bio-Gärtnerei Tomte

Wie Pestizide die ökologische Landwirtschaft in Vorpommern-Rügen bedrohen

In der idyllischen Gemeinde Papenhagen steht ein kleiner Bio-Hof vor einer existenziellen Bedrohung. Der „Gärtnerei Tomte“, liebevoll betrieben von Agnes und Artwi, wurde im Frühjahr 2024 erneut Opfer einer Pestizidbelastung, die ihre Existenzgrundlage gefährdet. Bei unserem Besuch vor Ort offenbart sich ein grundlegendes Problem im Zusammenleben von konventioneller und ökologischer Landwirtschaft – und ein Versagen der Politik auf mehreren Ebenen.

Die Fakten liegen auf dem Tisch: Ein benachbarter konventioneller Landwirt hat das Herbizid Clomazone ausgebracht. Kurz darauf zeigten sich deutliche Schäden an Gemüsepflanzen und Bäumen des Bio-Hofes. „Unsere Kulturen verfärbten sich weiß, das Wachstum stagnierte“, berichtet Agnes beim Rundgang über das Gelände. „Das ist kein Zufall, sondern die direkte Folge der Pestizidanwendung.“

Doch hier beginnt das Dilemma: Da der konventionelle Landwirt sich an die sogenannte „gute fachliche Praxis“ gehalten hat, greift das Verursacherprinzip nicht. Mit anderen Worten: Die Schäden von 14.000 bis 16.000 Euro bleiben bei Agnes und Artwi hängen. Als wäre das nicht genug, mussten sie auf die Bio-Auslobung ihrer Produkte zeitweilig verzichten – eine zusätzliche Existenzbedrohung für den kleinen Betrieb.

Systemisches Versagen auf Kosten ökologischer Pioniere

„Wir wollen, dass die Behörden und die Politik so kleine Bio-Bauern wie uns schützen“, erklärt Artwi mit Nachdruck. Das Paar hat sich an zahlreiche Instanzen gewandt – vom LALFF über den Landkreis bis hin zu Landtagsabgeordneten. Die ernüchternde Antwort lautet meist: Wir sind nicht zuständig.

Eine genauere Betrachtung des Falls offenbart ein grundsätzliches Systemversagen: Die aktuellen Regeln zur „guten fachlichen Praxis“ berücksichtigen nicht ausreichend die Auswirkungen von Verfrachtung auf benachbarte ökologische Betriebe. Die Pestizide werden nach Vorschrift ausgebracht, verbreiten sich aber durch Wind und Wetter auch auf angrenzende Flächen – mit verheerenden Folgen für Bio-Betriebe, die strengen Zertifizierungsauflagen unterliegen.

Der Fall Gärtnerei Tomte ist kein Einzelfall. Immer wieder geraten kleine ökologisch wirtschaftende Betriebe durch die Praktiken großer konventioneller Nachbarn in Bedrängnis. Die Machtverteilung ist dabei deutlich ungleich: Auf der einen Seite stehen kleine Pioniere nachhaltiger Landwirtschaft, auf der anderen Seite große Betriebe mit industriellen Produktionsmethoden und starken Lobbyverbänden im Rücken.

Gefahr für Grundwasser und Biodiversität

Der massive Einsatz von Pestiziden wie Clomazone hat nicht nur Auswirkungen auf benachbarte Bio-Höfe. Wissenschaftliche Untersuchungen belegen die weitreichenden Folgen für Grundwasser, Insekten und die gesamte Biodiversität. Die Folgen hoher Pestizidbelastungen sehen wir an unserer Ostsee oder auch an unserem Grundwasser.

Die Kreistagsfraktion BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN + DIE PARTEI setzt sich zwar auf lokaler Ebene für den Schutz ökologischer Landwirtschaft ein, stößt jedoch an die Grenzen ihrer Handlungsmöglichkeiten. „Das grundlegende Problem muss auf Bundes- und EU-Ebene gelöst werden“, erklärt ein Fraktionsvorsitzender und selbst Bio-Landwirt Dirk Niehaus. „Wir brauchen strengere Regeln für den Einsatz von Pflanzenschutzmitteln und einen echten Schutz für Bio-Landwirte.“

Hoffnung durch öffentlichen Druck

Agnes und Artwi geben trotz aller Widrigkeiten nicht auf. Sie haben begonnen, ihre Geschichte zu dokumentieren und zu teilen. „Wir kämpfen nicht nur für uns, sondern für eine grundlegende Veränderung im System“, betont Agnes. „Es kann nicht sein, dass die, die nachhaltig und umweltschonend wirtschaften, bestraft werden, während die Verursacher von Umweltschäden unbehelligt bleiben.“

Der Fall des Gärtnerei Tomte wirft ein Schlaglicht auf ein drängendes Problem: Wie kann eine echte Agrarwende gelingen, wenn selbst Vorreiter ökologischer Landwirtschaft systematisch benachteiligt werden? Die Antwort darauf muss die Politik liefern – und zwar schnell, bevor Bio-Betriebe aufgeben müssen.

Die Kreistagsfraktion BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN + DIE PARTEI wird den Fall weiterverfolgen und auf allen verfügbaren Ebenen für eine Verbesserung der Situation kämpfen. Denn eines ist klar: Ohne einen wirksamen Schutz für Bio-Landwirt*innen wird die dringend notwendige ökologische Transformation der Landwirtschaft scheitern.