Der Wind wehte kräftig über die weite Boddenwiese, als wir am 20. April 2026 mit der Kreistagsfraktion BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN + DIE PARTEI den Borner Holm besuchten – ein „Kernbestandteil“ des Landschaftsschutzgebietes „Boddenlandschaft“, wie bereits 2012 das Ministerium für Landwirtschaft und Umwelt MV den Landrat vor dessen Herausnahme warnte. Zuvor hatte sich im Januar 2012 eine Bürgerinitiative geformt, die sich zum Ziel den Erhalt des unbebauten Holms gesetzt hatten.
Begleitet wurden wir von Albrecht Kiefer, unserem Fraktionsmitglied und Mitbegründer der Bürgerinitiative Borner Holm e.V., die seit über 14 Jahre gegen die Zerstörung dieses sensiblen Ökosystems kämpft. Doch was macht den Borner Holm so besonders? Und warum ist der Versuch, ihn mit einer Ferienhaussiedlung zu bebauen, nicht nur rechtlich fragwürdig, sondern auch ökologisch und gesellschaftlich ein Rückschritt?
Was ist der Borner Holm? Ein Refugium für seltene Arten und bedrohte Lebensräume
Der Borner Holm bildet in Form einer Halbinsel die Südspitze des Darßes, geprägt von weiten Boddenwiesen, Schilfgürteln, Flachwasserzonen und Feuchtgebieten. Diese Landschaft ist Teil des Boddens und gilt als Eingangsflur zum Naturraum der Schilfinseln („Bülten“), einer einzigartigen Küstenform, die durch die letzte Eiszeit geformt wurde und heute zu den artenreichsten Lebensräumen Norddeutschlands zählt. Hier brüten Seeadler und Rohrweihen, während in den flachen Gewässern Zander, Hechte, Aale, zahlreiche Gänse und Watvögel wie der Kampfläufer rasten. Bei unserem Besuch konnten wir immer wieder dem Gesang von Lerchen lauschen. Die Boddenwiesen mit den ausgeprägten Röhrichten sind zudem ein wichtiger Klimapuffer: Sie speichern CO₂, schützen vor Sturmfluten und filtern Nährstoffe aus dem Wasser.
Doch der Borner Holm ist nicht nur ökologisch wertvoll – er ist auch rechtlich geschützt. Seit Jahrzehnten ist das Gebiet als Landschaftsschutzgebiet (LSG) ausgewiesen. Doch was bedeutet das genau?
Was ist ein Landschaftsschutzgebiet? Mehr als nur ein Schild am Wegesrand
Landschaftsschutzgebiete (LSG) sind rechtsverbindlich festgesetzte Gebiete, in denen nach §26 Abs. 1 BNatSchG „ein besonderer Schutz von Natur und Landschaft erforderlich ist.
- zur Erhaltung, Entwicklung oder Wiederherstellung der Leistungs- und Funktionsfähigkeit des Naturhaushaltes oder der Regenerationsfähigkeit und nachhaltigen Nutzungsfähigkeit der Naturgüter,
- wegen der Vielfalt, Eigenart und Schönheit oder der besonderen kulturhistorischen Bedeutung der Landschaft oder
- wegen ihrer besonderen Bedeutung für die Erholung.“[1]
Im Gegensatz zu strengeren Schutzgebieten wie Naturschutzgebieten oder Nationalparks ist Ziel der LSGs ihr Landschaftsbild zu erhalten. Sie sind aber nicht per se tabu für menschliche Nutzung – aber bauliche Eingriffe sind nur in Ausnahmefällen und unter strengen Auflagen erlaubt.
Konkret bedeutet das:
– Keine Bebauung, die den Charakter der Landschaft zerstört (z. B. Ferienhäuser, Straßen, Gewerbegebiete).
– Keine großflächige Versiegelung, die den Wasserhaushalt oder die Artenvielfalt gefährdet.
– Keine Maßnahmen, die den Erholungswert für Mensch und Tier mindern.
Der Borner Holm erfüllt all diese Kriterien – und doch wird seit Jahren versucht, ihn aus dem Schutzstatus zu lösen, um Platz für eine Ferienhaussiedlung einschließlich eines Hotelkomplexes zu schaffen. Ein Vorhaben, das nicht nur rechtlich fragwürdig ist, sondern auch entgegen des überwiegenden öffentlichen Interesses ist.
Warum die Bebauung des Borner Holm ein ökologischer und gesellschaftlicher Irrweg ist
Die Pläne der Gemeinde Born, angeführt von Bürgermeister Gerd Scharmberg (in Literatur bereits als „König von Born“ tituliert), sehen vor, auf dem Borner Holm bis zu 54 Ferienhäuser + Hotelkomplex zu errichten. Doch warum ist dieses Vorhaben so problematisch?
- Klimaschutz und Biodiversität: Ein Widerspruch in sich
Deutschland hat sich verpflichtet, bis 2045 klimaneutral zu werden – und die EU-Biodiversitätsstrategie sieht vor, 30 % der Landfläche unter Schutz zu stellen. Der Borner Holm ist Teil des Natura-2000-Netzwerks[2], eines europaweiten Schutzgebietsverbunds, der seltene Arten und Lebensräume bewahren soll.
Eine Bebauung würde:
– Lebensräume für bedrohte Arten vernichten (z. B. für die Lerche dessen Bestände bundesweit rückläufig sind).
– Den Wasserhaushalt stören (Versiegelung führt zu Überschwemmungen und Grundwasserproblemen).
– CO₂-Speicher zerstören
Gerade in Zeiten der Klimakrise und des Artensterbens ist es unverantwortlich, intakte Ökosysteme für kurzfristige Profite zu opfern. Und kurzfristig ist diese Maßnahme allemal: Studien haben ergeben, dass bei steigendem Meeresspiegel durch die drohenden Klimaveränderungen weite Teile des Borner Holms überflutet werden.[3] Wir Grünen fordern also stattdessen, bestehende Gebäude umzunutzen und klimaneutrale, „sanfte“ Tourismuskonzepte zu entwickeln – statt neue Flächen zu versiegeln.
- Landschaftsschutzgebiete schrumpfen
Der Borner Holm ist kein Einzelfall: Seit 2011 wurden im Landkreis Vorpommern-Rügen 172 Hektar Landschaftsschutzgebiete abgebaut – bei nur 27 Hektar Hereinnahmen in den LSG. In Beantragung zur Herauslösung aus dem LSG stehen aktuell weitere 46 Hektar laut Kreisverwaltung Vorpommern-Rügen auf unsere Anfrage hin.[4]
Wenn selbst ausgewiesene Schutzgebiete wie der Borner Holm zur Disposition stehen, was bleibt dann noch übrig?
Wir als Kreistagsfraktion fordern daher:
– Keine weitere Herauslösung von Flächen aus dem Landschaftsschutz.
– Transparenz bei Planungsverfahren (jeder Antrag auf Schutzgebietsaufhebung muss öffentlich im Kreistag diskutiert, mindestens informiert werden). Dies hatten wir bereits 2018 beantragt, wurde jedoch mehrheitlich abgelehnt.
– Umfangreiche Ausgleichsmaßnahmen, falls doch Eingriffe nötig sind (z. B. durch Renaturierung anderer Flächen).
- Demokratie und lokale Verantwortung: Warum der Streit um den Borner Holm mehr ist als ein Bauprojekt
Der Konflikt um den Borner Holm ist auch ein Demokratiekonflikt. Während die Gemeinde Born mit Verweis auf Wirtschaftsförderung und Steuereinnahmen argumentiert, formiert sich vor Ort massiver Widerstand:
– Die Bürgerinitiative Borner Holm e.V. sammelt seit Jahren Unterschriften, organisiert Proteste und klagt gegen die Bebauungspläne.
– Albrecht Kiefer und andere Engagierte werfen der Gemeinde Rechtsbrüche vor; insbesondere der Baubeginn auf dem Holm 2016, obwohl der BPlan noch nicht rechtskräftig war und der Holm zum LSG gehört, stellt einen schweren Vertrauensbruch dar. Hier wurde durch die Gemeinde eigenmächtig der Tief- bzw. Straßenbau begonnen, was die Landschaft bis heute verschandelt.
– Immerhin urteilte das Oberverwaltungsgericht in dieser Angelegenheit 2022 auf Klage durch den BUND klar, erklärte den BPlan für unwirksam und schloss eine Revision aus.
Chronologie: Wie der Borner Holm seit 15 Jahren umkämpft ist
Der Streit um den Borner Holm ist kein neuer Konflikt – er zieht sich wie ein roter Faden durch die Kommunalpolitik Vorpommerns. Hier die wichtigsten Stationen:
Holm-Chronologie-von Dez2011_bis_Apr2026
Der Borner Holm ist ein Symbol – für den Kampf um unsere Zukunft
Der Besuch auf dem Borner Holm war mehr als eine politische Stippvisite – er war eine Mahnung daran, dass Naturschutz keine Verhandlungsmasse ist. Und dass klimaneutrale Politik nicht nur große Worte braucht, sondern konkrete Taten. Dass der Tourismus unserer Region auf Qualität, nicht auf Quantität und auf den Erhalt ihrer einzigartigen Naturlandschaft setzen sollte. Dass Demokratie vor Ort bedeutet, auf Bürger*innen zu hören – statt sie zu übergehen. Und dass Bürger*innen wie die, die sich im Borner Holm e.V. engagieren und sich der Zerstörung ihrer unmittelbar umgebenen Natur so vehement und mit langem Atem entgegenstellen, ein unglaublich wichtiger Teil unserer Zivilgesellschaft und des Natur- und Artenschutz sind. Danke dafür!
Was kannst du tun?
– Unterstütze die Bürgerinitiative (https://borner-holm.de/)
– Schreibe an die Gemeinde Born und fordern Sie den Stopp der Bebauungspläne.
– Engagiere dich lokal beim BUND, beim NaBu oder bei BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN – denn Naturschutz beginnt vor der Haustür.
[1] https://www.bfn.de/landschaftsschutzgebiete
[2] https://www.bfn.de/thema/natura-2000
[3] https://www.hcu-hamburg.de/it-service/news/news-anzeige/sea-level-map-zeigt-meeresspiegelanstieg-am-beispiel-von-norddeutschland
[4] https://gruene-fraktion-vr.de/landschaftsschutzgebiete-in-vr-anfrage/




