Fachgespräch zu häuslicher Gewalt und Schutzstrukturen

Am 27.05.2026 fand ein intensives Fachgespräch zum Thema häusliche Gewalt statt. Zu Gast war Ulrike Bartel, Geschäftsführerin von Stark machen e.V., dem Träger des örtlichen Frauenhauses und der Beratungsstelle. In einer Runde, die fast ausschließlich von Frauen besucht wurde, wurden die rechtlichen Rahmenbedingungen, die staatliche Finanzierung sowie die praktischen Herausforderungen im Schutz von Betroffenen diskutiert.

Ein zentraler Punkt war die prekäre finanzielle Lage: Das Frauenhaus Stralsund verzeichnete im letzten Jahr ein Defizit von 30.000 €; für das laufende Jahr werden knapp 50.000 € erwartet. Da die staatlichen Mittel nicht mit den steigenden Personal- und Sachkosten Schritt halten, muss das Defizit durch Spenden aufgefangen werden. Es ist inakzeptabel, dass Betreuerinnen, die traumatisierte Menschen stützen, gleichzeitig in das Fundraising eingebunden werden müssen, um den Betrieb zu sichern.

Sorgenvoll betrachtet wurde zudem das neue Gewalthilfegesetz auf Bundesebene. Zwar wird gemäß der Istanbul-Konvention ein Rechtsanspruch auf Hilfe für von Gewalt bedrohte Frauen verankert, doch bleibt die Finanzierung vage. Da Kommunen ihren Anteil weiterhin auf freiwilliger Basis leisten, besteht die Sorge, dass neben den Landesmitteln die zusätzlichen Bundesmittel dazu führen könnten, dass Kommunen ihre eigenen Beiträge kürzen, ohne dass eine echte Netto-Verbesserung eintritt. Wir werden uns auf Kreisebene mit Nachdruck dafür einsetzen, dass der Landkreis die Finanzierung trotz des angespannten Kreishaushalts beibehält!

Denn neben der Finanzierung bestehender Strukturen müssen neue Hilfsangebote geschaffen werden, um „weiße Flecken“ auf der Versorgungskarte zu schließen. Besonders alarmierend ist der Mangel an Gewaltberatern in Mecklenburg-Vorpommern (nur zwei Personen in Teilzeit) sowie die geringe Täterberatung. Da der Gewaltkreislauf nur durchbrochen werden kann, wenn auch Täter in Beratung gehen, sehen die Expertinnen im Fachgespräch hier dringenden Handlungsbedarf zur Ausweitung der Kapazitäten.

Ein interessanter emotionaler Aspekt war die Rolle von Haustieren. Das Stralsunder Frauenhaus bietet Familienzimmer an, in denen Tiere erlaubt sind. Dies ist nicht die Regel in Frauenhäusern. Berichte des Weißen Rings verdeutlichen aber, dass die Sorge um das Tier oft ein Hindernis für die Flucht aus einer Gewaltsituation darstellt oder Haustiere als einziger emotionaler Anker in den prekären Lebenssituationen fungieren. Solche niederschwelligen und empathischen Angebote sind großartig, um betroffenen Frauen den Weg in die Sicherheit zu ermöglichen.

Abschließend berichteten Betroffene von ihren persönlichen Erfahrungen. Dabei wurde die Problematik der Täter-Opfer-Umkehr erneut deutlich: Oft wird die Schuld an der mangelnden Trennung dem Opfer zugeschrieben, was Scham und Abhängigkeit verstärkt. In Anlehnung an Giselle Pelicot wurde im Gespräch ein klares Ziel formuliert: Die Scham muss die Seite wechseln. Wir stehen an der Seite der Betroffenen und fordern eine Gesellschaft, die Täter in die Pflicht nimmt und Schutzräume konsequent absichert.